Zur Diskussion gestellt:
Gegenrede zu: “Kunst kommt von Können”
(anlässlich der aktuellen Ausstellung von J.Karimow und seinen Schülern)
Ich schlendere durch die Ausstellung am Vernissage-Abend. Im Rundgang merke ich, daß viele der hier ausgestellten Werke allein damit ringen, ihr formal-ästhetisches Können sichtbar wer-den zu lassen.
Doch mit der Zeit habe ich das Gefühl, irgend etwas zu vermissen,wenn ich auf dieses oder jenes Bild blicke. Doch, der Respekt ist da, was die hier so alles können. Doch kann das schon alles sein? Stimmt dieser bekannte Satz wirklich, nur weil er immer wieder ausgesprochen wird? Dieser Satz: “Kunst kommt von Können.”
Versuchen wir doch einmal, gegen den Strich zu denken. Was ist, wenn Kunst ganz woanders herkommt und auch die Frage mitgestellt werden muß, wo sie uns denn schließlich hinführt.
Und wo ich jetzt schon so lange Bilder mache, eins ist mir selbst bewußt geworden: Es ist mehr das Zittern der Hand als die Perfektion meiner Absichten, es ist das Stottern, das Stolpern, es sind die sich überlappenden Farbränder, diese fast zufälligen Farbklekse, die Restspuren, die Übermalungen, die mitgesetzten Brüche und Leerstellen, die ein Gelingen des Ganzen mit entscheiden. Als ob in jedem Bild eine materielle Resistenz eingewoben ist, die sich jedem Zugriff entzieht. Die nur ein “Lassenkönnen” zulässt und wo ich dann manchmal vor dem fertigen Bild stehe und staunend erkenne: es hat sich wie von selbst gemalt.
Die Gebrauchsanweisung dazu allerdings steht in keinem Lehr-buch oder Regelwerk. So etwas ist nur zu wagen. Dass ich mich immer wieder neu und anders platzieren muß, was nichts anderes heißt, als mich selbst zu de-platzieren, um der Spur des Bildes folgen zu können. Denn in jedem Bild ist auch etwas mir Fremdes, was nur zu identifizieren ist über das Fremde in mir selbst.
Die Grenze zu erkunden zu diesem Niemandsland ohne feste Pfade, allein mit diesem großen Hinweisschild ganz am Anfang: “Achtung Kunst, Betreten auf eigene Gefahr!”
Wenn sich ein Werk allein durch Treffsicherheit im Malstil auszeichnet und nicht auch eine wie immer geartete Betroffenheit des Künstlers mit ins Werk einfließt, verliert die Kunst ihren eige-nen Anspruch, verliert sie die Fähigkeit, den Betrachter anspre-chen zu können auf Augenhöhe. Die Macht technischer Verfü-gungsbewalt, wie artifiziell sie sich auch immer zeigen mag in ihrem eigenen Können, es reicht nicht aus, um ein Bild lebendig werden zu lassen. Es bleibt immer ein Rest, eine Wildnis, die sich dem Zugriff entzieht. Dieses große Spiel der Verwandlung, wo stets auch ein Scheitern mitgedacht ist als Bedingung jedes Gelingens.
Und wenn ihr das alles noch unter dem Stichwort “Können” unterbringen wollt, nun gut.
Ich sage es anders: Kunst kommt von Nichtkönnen. Das jedoch muß gekonnt sein. Und ich nenne es Magie.
Soviel Worte ich hier aber auch verliere, so etwas ist letztlich nicht erklärbar, sondern nur erfahrbar. An jedem Bilde neu und anders.

Wolfgang Henze
www.wolfganghenze.com