Von Wolfgang Henze
Zum Offenen Brief der Künstlerkollegen H.J. Hack und K.P. Kremer
“Kunst ist ein Lebensmittel”
Zunächst möchte ich den Gedankengang meiner Künstlerkollegen ergänzen, dass „Kultur“ nicht nur ein „Lebensmittel“ ist mit der Gefahr eines absehbaren Verfallsdatums. Sie ist nicht nur Produkt, sondern sie produziert selbst. Sie produziert einen Überschuss, der mit “Luxus” als überflüssige Zugabe nur unzureichend gekennzeichnet werden kann.
Diese Zeiten sind längst vorbei, wo ein höheres “Kulturgut” auf einen Sockel gehoben wurde, zu dem auch nur ein erlauchter Kreis kulturbeflissener Bürger Zugang pflegte. Nur wer “Kultur” noch mit diesem angestaubten Bild gleichsetzt, kann Gefallen daran finden, Kultur mit Luxus zu verwechseln. Kultur heutzutage stellt sich anders und breiter auf.
Kultur heute lebt zuallererst mit dem Anspruch von “Alltagskultur”. Und das ist keine Abwertung, sondern eine Herausforderung. Zunächst für die Kultur selbst, dann aber auch für diejenigen, die für ihr Gerüst zuständig sind in ihren Kulturentscheidungen auf politischer Ebene.
Kulturorte sind Begegnungsorte. Es sind Erlebnisse mit Veränderungspotential für Haltungen und Verhalten über den engeren Kulturbereich hinaus. Insofern ist vorzusorgen, dass es wie in der Natur nicht nur „Naherholungsgebiete“ gibt, sondern Kultur auch konkret geortet werden kann als Ressource im Alltagsleben mit dem Selbstanspruch, sich immer wieder neu und anders generieren zu können.
Das kommt qualitativ auch dem gewöhnlichen Betätigungsfeld des Menschen zugute in dieser Unterteilung von Arbeit und Freizeit. Erlernbares Können und Wissen auf der Arbeit als auch die Schlagworte Entspannung und Konsum für Freizeitverhalten genügen als sich ergänzende Pole nicht, die Ganzheit und Autonomie menschlicher Lebenshaltung umfassend zu stützen. Insofern kann eine Förderung und Investition in nachhaltige Alltagskultur in ganz unterschiedlichen Bereichen auch in ein neu erlebbares Qualitätsbewusstsein von Arbeit und Freizeit münden.
Ein selektives Ausdünnen kultureller Förderung würde so auch indirekt mögliche politische Kernthemen wie “Arbeit und Soziales” treffen.
Gerade in der Politik im Kleinen, auf Stadt- und Gemeindeebene, wo man doch “so nahe am Menschen” ist, gerade hier sollte man den Mut aufbringen, Weitsicht zu wagen, und nicht mit kurzsichtigen Aktionen ein Kapital verspielen, das in der Wertschöpfung ergiebiger ist als so mancher Etatbeschluss es wahrhaben will.
Und wenn es dann wirklich Politiker gibt, die ihr Kulturengagement sogar als ihr persönliches Steckenpferd ansehen, so ist das erst recht eine Zugabe, die nur positiv gewertet werden kann.
Wolfgang Henze
Junges Forum Kunst Siegburg e.V.